Ihr. Sentimentalitäten in Deutschland

Kunstraum Potsdam
c/o Waschhaus Potsdam gGmbH
Schiffbauergasse 4d
14467 Potsdam

October 3 – November 1, 2020

Opening October 2, 18h

Bettina Allamoda
Marc Brandenburg
Ursula Döbereiner
Falk Haberkorn
Sven Johne
Tom Korn
Via Lewandowsky
Henrike Naumann
Andrea Pichl
Ludwig Rauch
Thomas Rehnert
Jörg Schlinke
Nicholas Warburg


Monopol – Magazin


‚Wärme‘

Ursula Döbereiner und Thomas Rehnert

Für die Ausstellung ‚Ihr. Sentimentalitäten in Deutschland‘, eine Gruppenausstellung zu 30 Jahre Wiedervereinigung im Kunstraum Potsdam haben wir gemeinsam die Klang- und Videoinstallation ‚Wärme‘ entwickelt. ‚Wärme‘ ist eine komplexe Verschaltung miteinander kommunizierender und sich gegenseitig beeinflussender Prozesse aus analoger Audio- und Videotechnik in Verbindung mit mechanischen Antrieben und tapezierten Plakaten. Bild, Klang und maschinengesteuerte Bewegung überlagern, zerdehnen und modulieren sich wechselseitig. ‚Wärme‘ nutzt die performativen Eigenschaften von Maschinen, von Überwachungstechnik um kommunikative, sich gegenseitig beeinflussende Prozesse zu untersuchen.

In der Installation ‚Wärme‘ nutzen wir das Potential und den Überschuss von Störungen, Glitches, Manipulation und Feedback elektronischer Signale. In diesem Prozess haben Video und Audio die gleiche Wichtigkeit bei der Herstellung und der Transformation von Klang und Bild.

Im Entstehungsprozess der Arbeit haben wir von projizierten Videobildern Scans mit einem manipulierten Handscanner gemacht. Diese Scans geben die Bewegung der scannenden Hand wieder und zugleich wird im Zusammenwirken von digitaler und analoger Technik etwas sichtbar das mit bloßem Auge nicht zu sehen ist. Diese Bilder haben wir ausgedruckt, als Plakate an die Wand tapeziert und in der Installation von einer Videokamera gefilmt. Die Kamera erfasst in einer horizontalen Drehbewegung die Plakate. Die Bewegungsmechanik für die Kamera nutzt die in Echtzeit aus den Video- und Audioprozessen des gesamten Systems gewonnene Steuerspannung. So werden aus den statischen Bildern der Plakate dynamische Videobilder. Diese Bilder werden durch das Videosignal der Kamera und durch system-immanente Syntheseprozesse transformiert und zeitlich strukturiert. Bildgebende Verfahren und die akustischen Eigenschaften des Raumes werden in Klangereignisse umgewandelt und als verschiedene Stimmen über Körperschallwandler, die an Wände montiert sind hörbar.

‚Wärme‘ ist ein sich selbst generierendes System und bleibt trotzdem nach aussen hin offen: Über einen Körperwärmesensor, optische und akustische Sensoren moduliert die Anwesenheit von Besucher*innen das System. Die akustischen Eigenschaften des Ausstellungsraums werden über Körperschallwandler hörbar gemacht. Der Titel bezieht sich einerseits auf die physikalische Größe Wärme, die der Beschreibung von Prozessen dient, bei denen sich der Zustand eines Systems ändert. Gleichzeitig ist mit ‚Wärme‘ auch die Zustandsbeschreibung von Körpern gemeint wie Körperwärme oder soziale Wärme etc. ‚Wärme‘ entsteht durch die Interaktion verschiedener Systeme und durch die Auseinandersetzung mit Andersheit. Wärme entsteht durch Störung.
‚Staying with the trouble requires oddkin; that is, we require each other in unexpected collaborations and combinations, in hot compost piles. We become-with each other or not at all.‘
Donna Haraway, Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene