Ihr. Sentimentalitäten in Deutschland
Kunstraum Potsdam
Schiffbauergasse 4d
14467 Potsdam
October 3 – November 1, 2020
Eröffnung: Freitag, 2. Oktober 2020, 18 – 22 Uhr
Ausstellungsdauer: 3. Oktober – 1. November 2020
Kuratiert von Mike Geßner
Bettina Allamoda
Marc Brandenburg
Ursula Döbereiner
Falk Haberkorn
Sven Johne
Tom Korn
Via Lewandowsky
Henrike Naumann
Andrea Pichl
Ludwig Rauch
Thomas Rehnert
Jörg Schlinke
Nicholas Warburg
Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung widmet der Kunstraum
Potsdam dreizehn Künstlerinnen eine Ausstellung, deren Biografien und Arbeiten eng mit dem geteilten und wiedervereinten Deutschland in Zusammenhang stehen. Die Schau wird vom 3. Oktober bis zum 1. November 2020 mit über 15 Arbeiten gezeigt und reflektiert unter dem Titel „Ihr. Sentimentalitäten in Deutschland“ die künstler ische Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte der letzten drei Dekaden. Im Kunstraum Potsdam werden zur Ausstellung „Ihr. Sentimentali täten in Deutschland“ Positionen von dreizehn Künstlerinnen
versammelt, die sich auf unterschiedliche Weise mit der deutschen
Geschichte auseinandersetzen. Die Arbeiten erzählen von den Bio
grafien und Perspektiven deutscher Künstlerinnen, die entweder die Teilung, die friedliche Revolution und die Wiedervereinigung miterlebt haben oder in der Zeit der Wiedervereinigung geboren wurden und nur im vereinten Deutschland aufwuchsen. Die Empfin dungen sind different, der Einfluss der Geschichte unterschiedlich prägend und die Themen vielfältig. Die Ausstellung schafft es, eine künstlerische Erinnerungskultur zu präsentieren. Der gemein same Nenner ist das Leben der Künstlerinnen in Deutschland, vor
nehmlich in Berlin, und die damit verbundene Auseinandersetzung
eines gewaltigen Umbruchs und Aufbruchs der vergangenen Jahre, der
viele Fragen mit sich bringt, die von den Künstlerinnen laut gestellt werden. Mit dem Titel „Ihr.“, in Anlehnung eines ver trauten und gelebten “WIR-Gefühls“, versucht der Kunstraum in einer Reaktion auf die ständige Beschwörung der Gemeinschaft ein unabhängiges emotionales Feld von Bindungen und Zusammenhalt der beteiligten Künstlerinnen, als Vertreterinnen einer deutsch deutschen Biographie, zu schaffen. Die Besucherinnen werden mit
den verschiedenen Themen und Auseinandersetzungen konfrontiert und
dabei ermutigt, ihre eigene Erinnerung in den Kontext der künst
lerischen Auseinandersetzung zu bringen.
Während der Ausstellung wird ein Katalog veröffentlicht, der nicht
nur die Arbeiten der Ausstellung, sondern auch die Auseinander
setzung mit den Themen der Ausstellung präsentiert.
Informationen
Kunstraum Potsdam
c/o Waschhaus Potsdam gGmbH
Schiffbauergasse 4d
14467 Potsdam
Ursula Döbereiner und Thomas Rehnert
Für die Ausstellung ‚Ihr. Sentimentalitäten in Deutschland‘, eine Gruppenausstellung zu 30 Jahre Wiedervereinigung im Kunstraum Potsdam haben wir gemeinsam die Klang- und Videoinstallation ‚Wärme‘ entwickelt. ‚Wärme‘ ist eine komplexe Verschaltung miteinander kommunizierender und sich gegenseitig beeinflussender Prozesse aus analoger Audio- und Videotechnik in Verbindung mit mechanischen Antrieben und tapezierten Plakaten. Bild, Klang und maschinengesteuerte Bewegung überlagern, zerdehnen und modulieren sich wechselseitig. ‚Wärme‘ nutzt die performativen Eigenschaften von Maschinen, von Überwachungstechnik um kommunikative, sich gegenseitig beeinflussende Prozesse zu untersuchen.
In der Installation ‚Wärme‘ nutzen wir das Potential und den Überschuss von Störungen, Glitches, Manipulation und Feedback elektronischer Signale. In diesem Prozess haben Video und Audio die gleiche Wichtigkeit bei der Herstellung und der Transformation von Klang und Bild.
Im Entstehungsprozess der Arbeit haben wir von projizierten Videobildern Scans mit einem manipulierten Handscanner gemacht. Diese Scans geben die Bewegung der scannenden Hand wieder und zugleich wird im Zusammenwirken von digitaler und analoger Technik etwas sichtbar das mit bloßem Auge nicht zu sehen ist. Diese Bilder haben wir ausgedruckt, als Plakate an die Wand tapeziert und in der Installation von einer Videokamera gefilmt. Die Kamera erfasst in einer horizontalen Drehbewegung die Plakate. Die Bewegungsmechanik für die Kamera nutzt die in Echtzeit aus den Video- und Audioprozessen des gesamten Systems gewonnene Steuerspannung. So werden aus den statischen Bildern der Plakate dynamische Videobilder. Diese Bilder werden durch das Videosignal der Kamera und durch system-immanente Syntheseprozesse transformiert und zeitlich strukturiert. Bildgebende Verfahren und die akustischen Eigenschaften des Raumes werden in Klangereignisse umgewandelt und als verschiedene Stimmen über Körperschallwandler, die an Wände montiert sind hörbar.
‚Wärme‘ ist ein sich selbst generierendes System und bleibt trotzdem nach aussen hin offen: Über einen Körperwärmesensor, optische und akustische Sensoren moduliert die Anwesenheit von Besucher*innen das System. Die akustischen Eigenschaften des Ausstellungsraums werden über Körperschallwandler hörbar gemacht. Der Titel bezieht sich einerseits auf die physikalische Größe Wärme, die der Beschreibung von Prozessen dient, bei denen sich der Zustand eines Systems ändert. Gleichzeitig ist mit ‚Wärme‘ auch die Zustandsbeschreibung von Körpern gemeint wie Körperwärme oder soziale Wärme etc. ‚Wärme‘ entsteht durch die Interaktion verschiedener Systeme und durch die Auseinandersetzung mit Andersheit. Wärme entsteht durch Störung.
‚Staying with the trouble requires oddkin; that is, we require each other in unexpected collaborations and combinations, in hot compost piles. We become-with each other or not at all.‘
Donna Haraway, Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene


