Industrial Witchcraft
12.09.2025 – 03.11.2025
Bless, Marc Brandenburg, Döbereiner/Rehnert, Eliza Douglas, Harun Farocki, Stephanie Kloss, S.M. van der Linden, Julia Schmelzer, Cosey Fanni Tutti.
Konzeption: Oliver Koerner von Gustorf
Berlin Art Week 2025 Feature

Industrial Witchcraft bringt industrielle, prekäre, pornographische, magische, moderne Looks, mitdem Nachdenken über Produktionsverhältnisse und (künstlerische) Arbeit zusammen. Das Projekt ist eine Reaktion auf die omnipräsente pseudo-aktivistische, pseudo-poetische Donna Haraway-Édouard-Glissant–Bullshit-Sprache in der Gegenwartskunst, mit der wir voll passiv-aggressiv abgefertigt werden – und den systemischen, affirmativen Zombie Art Talk, der klingt, als wäre man in einem Raumschiff, oder einem Tennisplatz in einem Atombunker.
Anstatt in die kaputte, faschistoide, brennende, super-ordinäre Gegenwart des Soilent-Green-Ozempic-Kapitalismus zu blicken, werden wir mit endlosen, tugendhaften Rückbesinnungen auf indigenes Wissen, die Natur, die Ahnen, die Erde zugedröhnt, mit Symbolik, Ritualen, Ersatzhandlungen. Oder es werden „Culture Wars“ gegen Wokeness, Trans-Rechte, „Antisemitismus“, islamischen Fundamentalismus, linke Positionen, gegen „Hexen“, alle möglichen Formen von nicht heteronormativer Weiblichkeit geführt, an denen niemand wirklich teilnehmen möchte. Während Deutschland nach rechts rückt, Babys in Gaza verhungern, Geiseln sterben, die Welt brennt, feiern wir die Rückkehr zu verlorener Ursprünglichkeit und Spiritualität, zu Keramik und Folklore, exklusiven, feinsinnigen Gemeinschaften, zu queerer, apolitischer und völlig opportunistischer Sensibilität, lokalen Mythen und alten Handwerkstechniken.
Industrial Witchcraft will als improvisierte, experimentelle Ausstellung und Fanzine erst mal weg von dieser Tugendhaftigkeit, dem Bullshit und eine eher prekäre, „billige“, unsichere, vulgäre Position beziehen. Inspirationen sind die Industrial- Band Throbbing Gristle, in diesem Fall das Mitglied Cosey Fanni Tutti (die auch in der Ausstellung vertreten ist), das Plattencover des Throbbing Gristle Albums D.O.A, Krautrock, Kabelsalat, Synthesizer, Pornografie und Sex Work, die große Depression der 1930er Jahre, Silly Symphonies , der Wizard of Oz, klassische Disneyfilme wie Schneewittchen, Fantasia, Bambi, Pinocchio, Harun Farockis „Arbeiter verlassen die Fabrik“, Copyshops, Ein-Euro-Shops, Euros, William S. Burroughs Idee von Sprache als Virus, Wiccas, Kunstgalerien für Touristen, Gentechnik, Krebsforschung.
Ein wesentlicher Einfluss ist auch das Denken von Donna Haraway und Anna Tsing, das den Kunstbetrieb zwar schon lange beschäftigt, aber immer wieder verniedlicht oder systemisch instrumentalisiert wird. In dessen Mittelpunkt steht „Kinship“, die Verwandtschaft zwischen menschlichen und nicht menschlichen Lebensformen. Das heißt, das gemeinsame Leben und Sterben, das gemeinsame Verrotten zum Kompost, aus dem neues Leben und Denken entstehen können. Dabei geht es nicht um einen paradiesischen, utopischen Gegenentwurf oder eine Katharsis in letzter Minute, sondern um das gemeinsame Überleben unter absolut prekären Bedingungen.
Das Einlassen auf das Prekäre ist Teil des Ausstellungskonzepts. „Jeden Tag hören wir in den Nachrichten von prekären Lagen“, schreibt Anna Tsing in „Der Pilz am Ende der Welt“ (2015), „Die Leute verlieren ihre Arbeit oder sind wütend, weil sie nie eine hatten. Gorillas und Flussdelphine stehen kurz vor dem Aussterben. Steigende Meeresspiegel überfluten ganze pazifische Eilande. Meistens betrachten wir solche Prekaritäten als Ausnahmen im Getriebe der Welt. Als etwas, das aus dem System ‚fällt‘. Was aber, wenn wie ich behaupte, Prekarität die Grundbedingung unserer Zeit ist – oder, um es anders zu sagen, was, wenn unsere Zeit reif ist, diese Prekarität zu spüren? Was wenn Prekarität, Unbestimmtheit und das sogenannte Triviale im Zentrum jener Systematik stehen, nach der wir suchen?“
Diese Systematik bekommt im Kunst- und Kulturbetrieb, in der Mode, in der Unterhaltungsindustrie eine neue Wendung – durch den Zwang aus allem, symbolisches oder monetäres Kapital zu generieren, eben auch aus der Prekarität. Sie wird auf Biennalen und in Ausstelllungen wie dieser, ebenso wie in Looks, Filmen, Performances, Literatur in eine Art industrielles Produkt verwandelt, während die Welt immer prekärer wird. Wir alle verlieren die Kontrolle, steuern, begleitet von KI, TikTok, Meta und Palantir ins Ungewisse, werden zu Kompost oder Cyborgs, Bewohnern von Alien Earth.
Wir wollen wie in Ursula K. Le Guins The Carrier Bag Theory of Fiction unsere prekären Stories gemeinsam in einen Behälter werfen, vielleicht einen Plastikbehälter für Mayonnaise oder Weichspüler, den wir neben der Straße oder an einem dreckigen Fluss finden. Wir wollen dazu Vaporwave hören. Wir wollen Chris & Cosey hören, einen Karen Carpenter Altar bauen, uns Retro-Junk Food reinziehen, Curly Wurly, Bugles, Quality Street. Hail Saint Pepsi! Wir wollen zusammen high und diabetisch werden. Wir wollen Meme-Spells für die neue Trans-Welt machen. Fuck you und Merry meet,merry part, and merry meet again! —Oliver Koerner von Gustorf